Ein Rätsel löst gefährliche Gruppendynamik aus

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Lize Spit: Und es schmilzt – Erstellungsdatum 11.05.2018

Ich möchte das Buch mal mit einem Luftballon vergleichen. Zuerst liegt er schlaff da, dann wird er aufgepustet, von Seite zu Seite mehr. Manchmal entweicht auch etwas vom Inhalt. Am Ende wird er platzen, wir hören den Knall und starren sprachlos auf die Fetzen.

Wenn man versuchen wollte, einen bedeutenden Satz aus dem Buch aufzuschreiben, so müsste man das ganze Buch abschreiben, denn jeder Satz ist bedeutend.

Zum Inhalt: Eva lebte mit ihren Eltern und zwei Geschwistern samt Familienhund in Bovenmeer. (Einem fiktiven Ort in Flandern?) Sie ist 1988 geboren, wie die Autorin und wohnt in Brüssel, wie die Autorin. Der Rest ist hoffentlich nur ausgedacht, oder von anderen überliefert, denn so ein Leben wünscht man seinem ärgsten Feind nicht. Die Eltern sind beide Alkoholiker. Die jüngere Schwester, Tesje, leidet an Essstörungen und sich täglich verschlimmerndem Zwangsverhalten. Einzig der ältere Bruder, Jolan, ist wohl der „Normalste“ in dieser Familie.

Eva ist mit zwei Jungen gleichen Jahrgangs befreundet: mit Pim und Laurens. Pim ist der Bauernsohn. Laurens‘ Eltern haben eine Schlachterei. Pims älterer Bruder, Jan, scheint Eva zu verehren, wird eines Tages tot aufgefunden, da ist er gerade erst sechzehn Jahre alt.

Das Haus, in dem Eva leben muss, scheint grauenvoll ekelhaft zu sein: „Wir tauschten. Ihr Bett (die Rede ist von Tesje) bestand aus vier niedrigen zusammengeschobenen Schränken mit einer Matratze obendrauf. Mangels Lüftung wucherte der Schimmel unter den Matratzenrändern heraus.“ (S. 242 / 243)

Sehr ungewöhnlich ist die Struktur dieses Romans: Uhrzeiten als Kapitelüberschriften verweisen in die Gegenwart, Daten in die Vergangenheit, die verhängnisvolle. Es gibt aber auch Einschübe, tituliert z. B. mit „Schwalbe“, „Fettkopf“ etc.

Fantastisch das Cover, violette Blumen im Eis mit Blattgrün, sehr schön und liebevoll gestaltet. Der Schnitt ist moosgrün und das Lesebändchen violett, wie das Vorsatzpapier.

Jeder in diesem Roman will geliebt werden und anerkannt sein. Da aber jeder seine Macken hat und seine Einschränkungen und nicht über den Tellerrand hinaussieht, funktioniert das nicht. Aus diesem Unvermögen resultiert das Unglück aller Protagonisten, entwickelt sich diese gefährliche Gruppendynamik. Das Rätsel um den Eisblock spielt eine große Rolle und findet sich im Titel wieder. Sehr gefreut hat mich, dass im Deutschen der Titel fast wörtlich erhalten geblieben ist. Denn er ist unglaublich treffend gewählt.

Fazit: Keine leichte Kost, dieser Roman der jungen Autorin. Auch schwierig einzuordnen, denn ein sog. Coming-of-Age-Roman ist er auch nicht unbedingt. Minuslektüre mit verdienten fünf Sternen, auch wenn das jetzt widersprüchlich klingt. Denn fünf Sterne hat sie mehr als verdient, die Lize Spit. Ein großes Lob gebührt auch der Übersetzerin Helga van Beuningen, ich denke sie hat den Ton getroffen, der uns so rat- und sprachlos zurücklässt. Und ein großes dickes Dankeschön an den Verlag, dass für mich noch so spät ein Leseexemplar aufzutreiben war.

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